32 Väter und Söhne waren der Einladung der Ruller Kolpingsfamilie gefolgt, einen halben Tag lang mit Pater Jonathan einige Grundlagen der defensiven Kampfkunst Aikido zu lernen. Schläge und Tritte haben hier nichts zu suchen, stattdessen geht es um Ausweichen, Abrollen und nicht zuletzt um die richtige Hebelwirkung.
Wie man den Schwung des Angreifers nutzt, um sich selbst zu verteidigen, und wie man fällt, ohne sich dabei wehzutun - das war die Essenz der rund fünf Stunden, die die Teilnehmer mit ihrem Lehrer auf der Matte standen. Unterbrochen wurde das koordinierte Zu-Boden-Gehen von mehreren „Predigten“, wie sie Pater Jonathan Düring selbst bezeichnete.
Aikido, so Düring, sei für ihn die in Bewegungsform gebrachte Spiritualität der Gewaltfreiheit und daher eng verwandt mit den Gedanken der Bergpredigt. Deren zentralen Satz: „Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete auch die linke dar“, interpretiert Düring anders als gewohnt. „Diese Aussage meint nicht, dass man sich einfach zum Opfer macht.“ Vielmehr gehe es darum, Würde auszustrahlen.
Ein Schlag auf die rechte Wange sei entweder mit der linken Hand geführt, „und das war zu Jesu Zeit die schmutzige, mit der man sich den Hintern abgewischt hat“. Oder der Schlag sei mit der Rückseite der rechten Hand geführt worden, also eine Art überheblicher Wischer. Beides drücke Verachtung und Geringschätzung aus. „Hält der Geschlagene also nach der rechten auch noch die linke Wange hin, fordert er ein Mindestmaß an Respekt ein.“
In seinen „Predigten“ verknüpfte Düring diesen Gedanken immer wieder mit den Lehren des Aikido und seinen persönlichen Erfahrungen. Von der Selbstverteidigungskunst habe er vor allem das richtige Hinfallen gelernt - und nachdem er es dort verstanden habe, sei es ihm auch im Leben gelungen, zu Blamagen zu stehen und somit richtig zu fallen.
Die Vater-Sohn-Paare, die zu ihm in die alte Ruller Turnhalle gekommen waren, hörten aufmerksam zu, die größte Faszination ging aber von der Kampfkunst aus. Als Düring zeigte, wie man mit einem fast sanften Umbiegen der Hand einen Gegner zu Boden zwingen kann, bildete sich um den Pater eine Traube aus Vätern, die nun unbedingt versuchen wollten, einmal den Lehrmeister in die Knie zu zwingen.
Am Ende waren alle begeistert. „Den Boden als Freund anzunehmen, das fällt mir immer noch schwer. Aber wie Sie das erklärt haben: Super!“, sagte Hubert Börste aus Lechtingen.
Und geradezu erleichtert wirkte Noah Garthaus. Mit Blick auf seinen etwas stärkeren Zwillingsbruder Niklas sagte der Junge: „Jetzt weiß ich endlich, wie ich meinen Bruder an den Boden kriegen kann!“
Autor: Hendrik Steinkuhl - Bericht aus der NOZ vom 18.01.2011
